Die Hoffnung leidet Atemnot! (Es wird mir alles zuviel!)

Von vorgestern auf gestern habe ich nicht geschlafen, darum dachte ich mir – wider besseren Wissens -, ich schlucke Schlaftabletten weil ich mir völlig von der Welt enthoben, vom Bewußtsein losgelöst vorkam, schwammig auf den Beinen und sumpfig im Kopf als verschlammen sämtliche Gedanken in einer dicken breiig gerührten Tiefe jene es mir unmöglich macht einen Blick in etwas Klarheit zu schaffen, da ich sonst in meine Einzelteile zerfiel. Der gestrige Tag war schlimm, allein weil ich sonst mental völlig aufgerieben war, gedankenvoll und –belastet, bekam ich gräßliches Kopfweh als sei ich in einen Schraubstock gespannt und zudem andere weniger vorteilhafte Zustände hinzu bis diese aufgenötigte, schwerfällige Unpäßlichkeit mir durch den gesamten Tag hindurch in einer lähmenden Übelkeit folgte und meine Fußsohlen wanderten empfindlich auf einem Nagelbrett sowie auf glühende Kohlen. Dazu schlich diese schmerzliche Erschöpfung hinter mir her, stieß mich nieder, wollte über mich herfallen jedoch wollte mein Körper nicht nachgeben, er blieb hartnäckig, ließ mich weiterwachen wobei ich völlig in mir drinnen schon zusammensank, wie eine Karte einknickte, mir alle Knochen wehtaten und ich kam mir wie ein Uhrwerk zerlegt vor. Alles lag irgendwie herum und ich erstickte an den eigenen Gedanken, da ich sonst mit niemanden reden konnte, außer mit dem großen eisernen Schweigen hier.
Heute bin ich gen fünf Uhr aufgewacht, ging ich gestern früh schlafen, und das Erste was meinem anfälligen Körper einfiel war auf die Toilette zu eilen und zu erbrechen. Wahrscheinlich hatte ich zuviel von den Schlaftabletten eingenommen, kann sein, weis nicht, jedenfalls wollte ich bloß meine Ruhe haben, schlafen, innerlich Frieden erwirken und was bekam ich stattdessen: den renitent martialischen Aufruhr all meiner Organe!

Du hättest Dich neben mich gesetzt, mir die Haare zurückgehalten, Deinen Arm mir um die Schultern gelegt, aber wenn ich ehrlich bin, wärest Du an meiner Seite gewesen und trennte uns nicht dieser dunkle Graben, so käme ich nie auf den Einfall mir mehrere Schlaftabletten einzuverleiben!
Im unaufhaltsamen Wandel der Wirklichkeit, darauf wie die Dinge verlaufen haben wir nicht immer Einfluß, oder Leesha? Es passiert soviel im Laufe der Zeit und wir können bloß zusehen, müssen es ertragen – Opfer bringen, Tränen weinen – bis wir selbst keinen Ausweg mehr wissen!

Genauso ergeht es mir jetzt, da ich nicht mehr weiter weis, keine Tür mehr offen steht und seit vorigem Jahr schleiche ich durch dieses dornige, schmerzbesetzte Labyrinth aus dem es kein Entkommen gibt. Mit wem soll ich reden, es ist niemand zugegen, da mir meine Eltern weil sie unsre Beziehung ablehnten, schon vor Jahren uns entschieden den Rücken kehrten, sich nicht meldeten, und uns gewissermaßen aus ihrem Leben vollständig verbannten. Wenn die eigenen Eltern sich abwenden, sich einem verweigern, nur weil sie selbst zu archaisch veranlagt sind und in ihrer konservativen, stoischen Einstellung in jeder klaren Einsicht gegen die Gefühle ihres Kindes wettern, aber ich will niemanden mehr mit Vorwürfen begegnen, dies habe ich schon vor Jahren aufgehört weil es schlußendlich nur noch mehr Klüfte zwischen den Parteien schaffte. Aber es tut weh, es schmerzt, wenn die eigene Familie einen verstößt, nur wenn man gegen deren konventionelle Ansichten eine Zukunft errichten will.
An Bekannten und Freunden ist niemand geblieben, seitdem sie mich im Krankenhaus haben liegen sehen ist ihre Anzahl ständig geschwunden und ich weis, ich kann es mir denken, sie geben mir die Schuld, ansonsten kann ich mir deren aus Abstand ausgerichtetes Verhalten nicht anders erklären. Sie haben mich nicht besucht als ich im Koma lag, da ich anschließend bei den Ärzten nachfragte; aber nur Deine Eltern sind ein paar Mal dagewesen, haben sich gekümmert, sich gesorgt, bis auch sie mein von Dutzenden an fremdartigen Maschinen bewachtes Bett in der Leere des Krankenhauszimmers haben stehen lassen. Obwohl ich schlief, irgendwie habe ich diese Einsamkeit selbst im Tiefschlaf noch tiefer gespürt!
Habe ich es verdient, daß sie mich meiden, links liegen lassen, mir ihre Aversion so offen zeigen, und sich völlig von mir abnabeln? Im Grunde habe ich mir stets die Ausflucht vorgehalten, es ist ihnen alles über den Kopf gewachsen, all der plötzlich aufgetretene Schmerz, aller schwerer Verlust, er ist in einer tosenden Welle über sie alle hereingebrochen, jedoch gerade in dieser Zeit und der Zeit danach hätte ich eine helfende Hand benötigt, die mich aufrichtet, bei mir am Bett sitzt, redet, bloß eine vertraute Stimme, um nicht in dieser Finsternis gänzlich die Orientierung zu verlieren. Da war kein Licht am Ende des Tunnels, keine segensreiche Erscheinung, nur eine weite tiefe Kälte jene namenlos zu mir sprach.
Hinterher ist es mit dem „Apoplektischer Insult“ noch isolierter für mich geworden. Als ich zu mir kam bzw. wieder einigermaßen nach einem langwierigen aufwändigen Prozeß klar zu denken fähig war, meine geistige Befähigung soweit nach schweren Strapazen genesen, habe ich den auferlegten, auf mich eingewirkten Druck des alltäglichen Alleinseins deutlich gespürt, wenn die gesichtslosen Zimmerwände näherrücken und einer schwarzen dicken Lawine gleich über einen hereinbrechen. Die Tage sind lang im Krankenhaus, die Nächte noch länger und zum Glück bekam ich regelmäßig meine Schlaftabletten, sonst hätte ich mehr Zeit in dieser unsäglich traurigen nach unten führenden Spirale verbracht. Doch die schwermütigen Tage konnte mir niemand von den Schultern nehmen, die ich zwar als akute Maßnahme der Rehabilitation ca. sechs Wochen bei den stationären Physios verbrachte, bei logopädischen Therapien – um meine eingetretenen Funktionsstörungen zu behandeln -, und dennoch eilten die Gedanken einem schrill und kreischend durch den Kopf, da der Verstand einem Dampfhammer gleich niemals stillsteht, er rumpelt und poltert bis man innerlich nur noch am Schreien ist. Niemand hört einen, die Ärzte spulen ihr Programm ab, die Therapien verlaufen nach Schema F, und in mir drinnen sank ich mehr und mehr zusammen, weil es mir vorkam als wende sich die Welt plötzlich von einem ab. Von einem Tag auf den Anderen war ich wieder allein! All die Monate ohne Besuche, all die gedankenschweren Aufgaben ohne eine hilfreiche Stütze, ein herzliches Auffangnetz, wodurch mein Sturz abgefedert wird, hat mich innerlich schwergetroffen und mich in eine dunkle Phase meines Lebens vor meinem Leben zurückkatapultiert – bevor ich auf Leesha traf. Bevor ich anfing wirklich zu leben, zu atmen und vor allem zu Sein!

Du bist in meinen Armen gestorben…dabei wollten wir doch zusammengehen, gemeinsam sterben, wenn wir alt und grau sind, umgeben von unsren Liebsten wie wir es besprochen haben. Sterben, wenn wir Großeltern sind, unsere Enkelkinder gesehen haben, soweit sind unser Glück auf einer neuen himmlischeren Ebene fortzuführen; nicht Dekaden davor, wo uns das Schicksal plötzlich diesen düstren Riß im Dasein bescherte.
Damals im Spital nachdem ich soweit wieder ansprechbar war, brauchte es mir niemand zu sagen, es hat mir auch niemand gesagt, da ich es gewußt und als ich aus dem Koma erwachte, gefangen in meinem eigenen Körper durch den nächsten periodischen grauenhaften Schock, welcher noch vor dem langen künstlichen Tiefschlaf bei mir erfolgte, weil mein geplagter Körper mit dem plötzlich losgelassenen Grauen, diesem unfaßbaren Schrecken nicht anders umzugehen wußte als mich hinter diesen dumpfen Wall des Selbstschutzes wegen zu stecken damit ich weniger fühlte als ich fühlen wollte, es weniger schmerzte als ich Schmerz empfand. Selbst wenn das künstliche Koma durch Medikamente gesteuert wird, durch eine Hochdosis zu Anfang, habe ich im Laufe meiner über vier Wochen geträumt, obwohl viele Wahrnehmungen mitunter seltsam bizarr, grotesk, beinah übersinnlich waren, jedoch kehrten diese in mir abgelagerten, aus den letzten Momenten mitgenommenen, Empfindungen stets zu mir zurück – eine von hoffnungsloser Finsternis begleiteten Berg- und Talfahrt! Die letzten trostlos, leidvollen Sekunden bevor es mir völlig schwarz vor Augen geworden ist, dieser entscheidende Einschnitt im Hiersein welcher gegen die Gebote des Lebens selbst rebelliert als habe mir die Fügung einst helles Glück und Freude, nun einen diabolischen Dämon an die Seite gestellt, der seine rabenschwarzen Schwingen auf mir abgelegt hat. Die Hölle fand in mir drinnen statt, verschlingende Feuer, gellendes Schreien gefolgt von einer tiefen sinistren Stille, die einem weiten gierigen Maul gleich sein Kiefer spreizt, um auch den Rest von meiner Seele zu verzehren. Geweint habe ich viel, ob davor oder danach!
Selbst jetzt bin ich am Weinen, laufen mir die warmen nassen Tränen in Strömen, da ich vieles nicht verstehe und doch begreifen muß, aber ich habe keine Kraft mehr um mit dem Schmerz in mir umgehen zu lernen – es ist zuviel, vielzuviel! Die kargen monotonen Wände, all die Verschwiegenheit welche von den Ecken tropft sowie die Menschen jene mich seit Damals in diesem unglaublich anhaltenden Schmerz allein zurückgelassen haben, nicht reagieren, wobei wir in solch dunklen verletzlichen Stunden wie zuvor als Familie zusammenstehen sollten. Familie bedeutet, daß durch Einsicht und Vernunft, das Verstehen für Andere auch das eigene Leid weniger an schmerzhaftem Gewicht besitzt indem man Lasten abgeben kann, um nicht vollkommen daran zu verzagen.
Davon ist mir nichts geblieben, weder Bekannte, Freunde noch Familie und wenn ich mich umsehe – Jetzt in meinem Leben – finde ich darin auf meinen Wegen nichts Wertvolles mehr, wenn das Gesicht der Sonne Schatten zeigt und mehr als Kummerwolken sich vor das Licht schiebt.

Ich will mir nicht mehr diese Ketten anlegen, Angst haben, warten bis mich die Zeit verschlingt, wenn ich selber die Zeit bestimmen kann und darf, den Zeitpunkt wählen, wann ich mit Dir mein Engel wieder vereint bin, denn wir wollten gemeinsam leben, wir wollten als ein altes glückliches Paar gemeinsam sterben, doch das Schicksal verwehrte uns diesen Wunsch, aber heute werde ich dem Schicksal einen Gefallen tun!
Leesha, ich schicke Dir diese Zeilen hoch in den Himmel, doch Du wirst nicht lange auf mich warten müssen!
Mein Herz schlägt nun friedlich, auch ist meine Sehnsucht für Dich unsterblich, aber beides ist unendlich!
ICH LIEBE DICH!

Shane

27.3.15 09:04

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zombiegarten (27.3.15 09:38)
Wenn Eltern oder andere Menschen verletzend oder ablehnend sind, ist das im Grunde genommen nichts anderes als ein Spiegel ihrer eigenen Leiden. Sie sind ebenso für ihren Seelenschmerz zu bedauern, denn er lässt sie ihr eigenes Leben verfluchen.

Auch sie wurden einst von ihren Eltern in ein Korsett gezwängt und ihre Seele missbraucht, bis sie keinen Ausweg mehr fand und seitdem wie seelenlose Geschöpfe einhergeistern. Leider machen solche Hüllen auch noch Kinder oder sind anderweitig erzieherisch tätig. Und so gebiert die Gesellschaft immer mehr Avatare, die nach wie vor ihren Ursprung suchen.

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