Einer dieser Nächte…

Mitten im zusammengebrauten, aufgedunsenen Wogensturm meiner Gedanken ist es für mich kein Neues, kein Unbekanntes, wenn ich mehr als die Hälfte der Nacht wachliege, mich herumwälze, hinter den schweren Lidervorhängen eine Welt in den Welten betrachte und dabei mich sosehr nach der Vergangenheit sehne, die rein in der Erinnerung nur mehr in all ihrer Wunderbarkeit, all ihrer Schönheit wahrhaftig greifbar ist – als stehe ich auf einer lichtdurchflossenen Kuppel tastend nach einem Sonnenstrahl – und dabei ist diese Gegenwart wie ich sie kenne, sie erfahren muß alles andere als ein helles Fleckes, ein farbenfroher Lebensatem jenen ich tief in meinen Körper, in meine Seele, in mein Herz aufnehmen darf, weil selbst unter einem ätherisch aufgeweichten, weißbetupften blau-luftigen Seidentuch mir vor Kälte und Angst die Knie schlottern. So ist es mir auch heute Nacht ergangen, daß ich mit angezogenen Beinen bis hoch zur Brust dagelegen bin, zitterte, mir der Winter meiner Seele erneut solch ein klammes, allumfassendes frostiges Brausen bescherte, bis ich meinte, ich liege nackt und schutzlos mitten auf einer eisigen Decke im Freien, auf einer harten schroffen Schicht, einem Grabstein nicht unähnlich und sehe kein Sternfunkeln unter mir widergespiegelt. 
Mein Herz war ein Rausch, welcher mir die Brust zerdrückte als liegen Tonnen auf mir und nicht selten bekam ich keinen Atem zu fassen, der sonderbar aus mir gewichen und im gesamten Zimmer schnappte ich nach Luft, tat heftigst daran als sei ich obwohl ich unter der Zudecke mich verkrochen, irgendwie unter Wasser geraten, wo ich eine merkwürdige, gar gefährlich bedrohliche Schwere auf mir lasten spürte, die mich weiter und weiter hinunterzog, je mehr die Stunden ihren Abschluß fanden und für mich dennoch sie mit neuen Plagen eröffneten, damit ich ihrer in aller Demut und Gefangenschaft gewahrte. Ähnlich wie zwischen zwei Seiten gepreßt, die des Lebens und die des Todes, kam ich mir klein sowie kümmerlich vor, und aller tiefgehend ausgebreitete Gram blieb mir teilhaftig, gehörte er in seinem aufgeworfenen Verhängnis – in seiner großen demonstrativen Allgewalt – zum unmißverständlichen Winkelzug des Schicksals, zum schmerzlichen Vermissen und zur täglichen Verzweiflung.
Im Grunde, gestehe ich es mir ein, habe ich zwar oftmals in aller aufgezwungenen Bedrücktheit, ähnlich eine Kralle mir ihre Absicht an die Kehle setzt, daran gedacht, es mir eingekehrt vorgeführt, wiewohl ich es lieber einträchtiger mir mit jeder Empfindung vorgeflüstert hätte, jedoch weis ich um die schier grenzenlose Düsternis in meinem Inneren jene ich seit vorigem Jahr wie eine finstere Krankheit in mir herumschleppe. Hätte mir jemand voriges Jahr im Januar gesagt, daß ich derlei niederstreckende, destruktive sowie doloröse Gemütswindungen in mir zurechtsinne oder als Teil meiner Gefühle stricken werde, mit lautschallenden Lachen und wahren Argwohn wäre ich dieser Person begegnet und strafte ihn als törichten Narren. Doch mittlerweile steckt dieser brennende Dorn zutief in meinem Herzen und die Aussicht auf den Tod wird zur Erlösung!
Leesha und ich haben manchmal darüber gesprochen, nicht der orkus’schen Sehnsucht willen, sondern allgemein weil wir über alles redeten und dieses Thema fiel ganz unwillkürlich, ohne Vorwarnung und dennoch interessierten uns die Ansichten des jeweilig Anderen in diesem Kontext.
„Das Leben ist ein flüchtiger Moment im gesamten Kreisel der Zeit“, äußerte Leesha seinerzeit und brachte mich gleich zum Nachdenken. „Wir sind nur für einen Hauch hier, als ob das Universum kurz ausatmet und einen raunenden Abdruck hier auf Erden mit uns zurückläßt.“
Die bildhafte, auch schwermütige Vorstellung hatte ihre mortale Besonderheit an sich, dies mußte ich zugeben. „Alles unterliegt den Gesetzen der Vergänglichkeit“, teilte ich meine Anschauung mit, da wirklich nichts von Bestand ist, sondern dünn wie eine Seifenblase, „aber gerade weil wir wissen, es wird alles vergehen, sollten wir die Zeit umso intensiver hier auf Erden nutzen, um in jedem denkbaren Augenblick soviel Glück als möglich aus einem Herzschlag zu ziehen“, ließ ich eine empfindsame Regung zurück, die sie mit einem Wimpernschlag aufgriff, mich tief ansah, dabei ein zartes Lächeln formte und dabei weis ich noch – ja, so war es gewesen – wir saßen am Balkon unsrer Wohnung, während die Sonne mittags halbgesenkt über die florgeschmückte Brüstung schien, es uns den Geruch von Kräutern herwehte, die andere Mieter unterhalb im ihrem kleinen Stück Eigengarten anbauten – überall lag solch ein duftendes Wohl in der Luft, anheimelnd, wodurch es in der Nase spaßhaft kitzelte.
„Das Leben ist eine große Aufgabe“, führte sie weiter teils philosophisch aus, beschränkte sich nicht nur auf ontologische Mutmaßungen oder fragile Experimente, sondern sie definierte vor mir ihre klar erkennbaren, würdevoll ausgelegten Werteziele. „Gerade weil wir leider wissen, daß wir die Vergänglichkeit nicht aufhalten können, ist es ein umso prachtvolleres Geschenk jeden Tag nach utilitaristischen Maßstäben zu leben.“
Hier mochte ich ihr recht geben, fand ich alle mir aufgeschlossene, offenkundige Wahrheit in ihren zauberhaften grünen Augen, die wie friedsam entnebelte Smaragde dalagen, mich betrachtete und ich wünschte mir ein Funkeln in diesen Augen zu sein, bloß für einen Moment, doch als sie sie leicht ihren Mund öffnete, ihr schon zuvor feenhaftes Lächeln noch malerischer pinselte, glitzerte tatsächlich mehr in ihrem Blick auf als sie sich enger an mich kuschelte und wir den Tag samt seinen lauen sanften Brisen als naturverpacktes Geschenk mit unsrer Zweisamkeit dankten.
„Das ist das Schöne am Leben, nicht zu wissen, was als Nächstes passiert, obwohl wir viele Dinge beeinflussen können, bin ich froh darüber, daß manche Begebenheiten ihren Lauf nehmen und einen hinterher die Überraschung fast schon überirdisch niedlich einem gemacht wird.“ Leesha war warm, ich spürte ihre Hände auf meinen, ihr Körper war weich wie frühlingshaftes Wiesengras und ihren Herzschlag hören, es hat mich stets in Bann geschlagen, mir das Leben faßbar gemacht. „Es gibt so vieles, was wir noch nicht dort draußen entdeckt haben“, flüsterte sie gemächlich, ganz zukunftsträchtig mit ihrer zarttönenden Stimme, die mich immerzu betörte und vielleicht auch deswegen erinnere ich mich an so viele ihrer Worte. „Es macht einen Angst und fröhlich zugleich zu wissen, daß unser ganzes Leben auf einen wartet, und irgendwann werden wir als alte Leutchen im Bett liegen, unsere Enkelkinder laufen um uns herum, und dann werde ich immer noch deine Hand halten und glücklich sein.“
Ihr Denken, ihre Zukunftsschau beeindruckte mich immer wieder aufs Neue, Leesha hat mich jeden Tag immer mehr fasziniert. „Wir haben noch soviel vor, unsere Geschichte hat gerade erst begonnen und mit jeder Zeile, die wir neu hinzufügen, können wir sie mit soviel Glück und Freude ausfüllen“, habe ich ihr vergewissert, ihr meinen großen, unseren großen Traum sichtbar gemacht, der schon längst in ihrer prächtig angefüllten Herzensschatzkammer ruhte. „Du hast das Schönste in mir zum Vorschein gebracht, Leesha, mir gezeigt, daß trotz aller Widrigkeiten nicht alles verloren ist, wir zusammengehören und wir uns gegenseitig ergänzen, weil wir jeweils ein Teil des Anderen sind“, öffnete ich vor ihr wie sooft mein Herz, entblätterte es gerne, nahm ihre Güte darin auf, ihre kosige Wärme, ihre spürbare Nähe samt ihrer unvergleichlichen Zartheit.
Leesha hob ihr Kinn, ich sah eine Lichtsense einige Schatten an ihrem hübschen Gesicht zertrennen, als sie teils melancholisch und auch voller Frohgemut mir mit einem elfenhaften, hoheitsvollen, najadenlieben Antlitz begegnete. „Denkst du“, begann sie zögerlich und für kurz war ihr Lächeln verschwunden, welches aber genauso schnell wieder auf ihrem liebreizenden Portrait vor mir erschien als habe sich nur flüchtig eine Wolke vor die Sonne geschoben, „das dieser Teil in uns, der uns Jetzt und Hier verbindet, auch nachdem wir sterben noch zueinanderfinden wird, auch wenn wir ausgelöscht sind?“, ihre Gestalt nahm ich damals in Augenschein wie ein gesegnetes Altarbild, eine feine lichterne Offenbarung.
„Natürlich!“, setzte ich mit festeren Ton an, dies wollte ich ihr mitteilen, ihren Glauben bestärken, uns selber mehr Mut für die Zukunft machen, „wir Leben mit Achtung, weil wir wissen wie kostbar ein gegebener Moment ist, wie sehr er unserem Sein seine Würde verleiht, indem wir alles daran tun, um diesen Wert für uns und für das Leben selbst aufrecht zu erhalten.“ Dann begann ich kurz zu überlegen, doch sprach ich nachher keinen Gedanken aus, sondern eher das erstbeste und redliche Gefühl in mir legte ich ihr offen dar: „Gerade, wenn man weis, das Ende, diese von uns gefürchtete Vergänglichkeit ist unausweichlich, ist das Leben umso ehrbarer, umso unschätzbarer und man sollte keine Angst haben zu sterben, denn viele Menschen haben Angst davor überhaupt zu leben. Nicht der Tod ist entscheidend, Leesha, sondern das Leben und nur solange wir diesen Weg folgen, wir uns in Liebe, Treue, Sorgsamkeit und uns täglich um diese Werte bemühen leben wir richtig und wahr!“
Woher diese Worte kamen, sie in mir zum Vorschein traten, habe ich nicht lange nachsinnen müssen, denn sobald ich Leesha anblickte, dieses für mich vollkommene Mädchen, sie, dieser Engel mit dem ich mein weiteres Dasein hier auf Erden verbringen wollte, floß es heiß und ehrlich aus mir wie eine frisch ersprossene Quelle. Jedes Wort meinte ich wie ich es gesagt, da gab es nichts zu rütteln, darin lag all meine für sie vergoldete Tugend, all mein Fühlen, unser Pfad, den wir bestreiten, um jede Sekunde für uns zweisam in aller Glückseligkeit zu nutzen, denn dazu brauchte es lediglich sie ansehen, mich in ihrem Blick wiederfinden, und in ihrem kraftgebenden, heilsam geschenkten Kuß diese und die darauffolgende Sekunde als Stärkung für unsere Zukunft zu leihen. Und indem ich sie zurückküßte, ihre Lippen mit meinen bedeckte, gab ich Leesha all meine Herzlichkeit sowie sie mich in ihr Herz ließ. So war es auch kein Zufall als nun mehr gleisnerisches Licht aus der Wolkendecke zu uns herabfiel.

Daran und an so viele andere Momente, Stunden, Tage und all unsere wunderschönen, ja unsere himmlischen sechs Jahre denke ich oftmals ob mit feuchtbekränzten Wimpern oder tränenzerlaufenen Augen zurück, und damals hätte ich nie daran gedacht, daß tatsächlich dieser gemeine Tod all unsere Sonnen auspustet, unser Glück im Staube zertritt, unser Licht auslöscht und ich ein baldiges Sterben willkommen heißen will!
Leesha, hab Geduld, in Deiner Ewigkeit ist ein Menschenleben nur ein flüchtiger Moment und schon bald werden wir wieder zusammensein!

24.3.15 12:36

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